Erste Tage

Meine Auslandserfahrung ist gefaehrdet: Mein Gastbruder zeigte mir heute Minecraft.

Tatsaechlich gleicht mein ganzes Leben derzeit den ersten Minuten dieses Spiels. Ich befinde mich mittlerweile in meiner neuen Welt, es gibt vieles zu entdecken und zu probieren. Es gibt kein klares Ziel und doch macht es suechtig. Die Moeglichkeiten sind endlos und gerade aus diesem Grund muss ich mich entscheiden, was ich tue. Theoretisch koennte ich mich Ewigkeiten auf eine Sache konzentrieren, aber ist es wirklich richtig? Wie richtig kann es sein, nun schon die sechste Minute damit zu verbringen, den Turmbau zu Babel mit virtuellen Steinwuerfeln zu imitieren? Oder den Protagonisten des Films „The Core“ nachzueiferm, indem man immer weiter und weiter nach unten graebt, bis Unmengen von Lava und Magma erscheinen? Deshalb muss ich mich (trotz aufflammenden Entdeckergeists) doch immer wieder besinnen: Da kommt nichts mehr besonderes, das lohnt sich nicht, die Zeit ist zu schade. Und so schliesse ich schweren Herzens das Spiel und bitte meinen Gastbruder, doch lieber mit mir unseren kleinen Cousin von gestern zu besuchen. Wir haben es ihm gestern Abend versprochen.

Nach dieser ruehrseligen Analogie moechte ich erst einmal fuer alle Interessierten die Geschehnisse der letzten Tage aufbereiten. Am Flughafen Frankfurt traf ich auf ein paar neue AFS-Gesichter und die dank eines Vorbereitungscamps bereits bekannten deutschen Russlandflieger. In Moskau angekommen ging es zum Arrival Camp in eine grosse und gruene Freizeitanlage, in der sich die Wohn- und Seminargebaeude zwischen Wiesen, Wald und See befanden. Free Wifi (das zumeist ueberlastet war), Volleyballfelder, Spielplaetze, gute Organisation und Hunderte junger, gut gelaunter Menschen unterschiedlichster Nationen taten ihr Uebriges. Es war ein fulminanter Start in den Auslandsaufenthalt, ein einziger zweitaegiger Freudentaumel, in dem wir nebenbei Mentalitaet, Traditionen und Essen unseres Gastlandes kennenlernten. So schnell aus Fremdschaften Freundschaften wurden, so schnell kam auch der Abschied. Mich aergert die Gewissheit, die meisten Menschen nie wieder zu sehen, sehr. Schliesslich endete fuer mich der erste kleine Abschnitt meiner Reise wieder am Flughafen Moskau. Vollkommen uebermuedet von der langen, abschiedsreichen Nacht, wartete ich mit einer Finnin drei Stunden. Mit einer? Да. Wir beide sind die einzigen AFS-Schueler in unserer Region. Gleichzeitig sind wir mit Surgut (Westsibirien) auch die oestlichsten.

Es ist warm. Das waren mitunter die ersten Woerter, die ich in Sibirien hoerte. „Es ist warm, zieh deine Jacke aus, Minh.“ Tatsaechlich schwitzt man mit langer Hose und Pullover schnell, wenn man sich in der Sonne befindet. Der Himmel ist wolkenlos, die Tagestemperatur schwankt zwischen 5 und 20 Grad, der Sauerstoffgehalt der Luft soll wohl unterdurchschnittlich gering sein. Um ehrlich zu sein, hat mich aber zu dem Zeitpunkt nicht das Klima, sondern etwas ganz anderes interessiert: Meine Gastfamilie. Alles entspricht in vollstem Umfang meinen Erwartungen und Hoffnungen. Und die waren hoch und positiver Art. Sie sind nett, gastfreundlich, aufrichtig, herzlich, interessiert und respektierend. Ich spuere, dass sie um mein emotionales wie physisches Wohlergehen sehr besorgt sind. Vor allem bezueglich des Interesses an meiner Gesundheit steht meine Gastmutter meiner echten Mutter in nichts nach. Das durfte ich schon erfahren, da ich zunaechst an Magen-Darm-Beschwerden litt, die nach bisherigem Erkenntnistand mit dem Essen im Camp zusammenhingen. Jedenfalls waren meine einzigen Probleme koerperlicher Natur, waehrend andere Austauschschueler laut facebook ihre ersten Tage mit reichlich Traenen ueberschuetteten. Es ist die Sprache. Die Eltern koennten kein Englisch und niemanden wuerde sie verstehen und ueberhaupt sei alles doof. Ich kann fuer’s Erste empfehlen, die Aufregung „Wie kann man nur diese elementaren englischen Woerter nicht kennen?“ umzuwandeln in „Wie kann ICH diese elementaren Woerter nicht auf Russisch sagen?“ Es macht ohnehin mehr Spass, Russisch zu lernen, als der Umgebung Englisch beizubringen. Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn. Ueberhaupt lasse ich mich nicht davon abhalten, mit Haenden, Fuessen und Google Translate alles auszudruecken, was ich moechte.

Ausserdem bleibt noch zu erzaehlen, dass ich eine ausgesprochen angenehme Betreuerin habe, die demnaechst auch meine Russischlehrerin sein wird. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich mich rundum wohl aufgehoben fuehle. Das Verlangen nach Klavier, Freunden und Familie ist da, aber ertragbar. Schulanfang ist der russlandweite „Tag des Wissens“ am 1. September. Die Tage bis dahin verbringe mit meiner Gastfamilie, deren Freunden und einigen Erkundungs- und Einkaufstouren in die Stadt.

Meine Kommunikationssituation ist im Uebrigen folgende: Ueber meine deutsche Handynummer bin ich nicht mehr zu erreichen, demnaechst bekomme ich eine russische SIM-Karte. Mit dieser sind internationale Telefonate sehr kostspielig und schlicht unsinnvoll, sie dient mir fuer lokale Gespraeche. Mit meinem Handy habe ich ueber recht stabiles WLAN Zugriff auf das Internet, sodass meine Reaktionszeiten auf Nachrichten auf einem hohen Niveau bleiben. Auch bin ich gelegentlich fuer ein Skype-Gespraech zu haben. Die Zeitverschiebung zu Deutschland betraegt +vier Stunden (UTC +6). Ist es Deutschland Mittagszeit, zeigt meine Uhr hier 16 Uhr. Sobald Deutschland auf die Winterzeit umstellt, sind es dann fuenf Stunden.

Meinen Freunden und meiner Familie wuensche ich alles gute. Mir geht es gut hier.

Herzlichst,

Minh

PS: Nun habe ich mich doch entschieden, das Hauptfotoalbum bei facebook anzulegen, um mir die doppelte Arbeit zu sparen. Schaut also dort vorbei, zu diesem Zwecke nehme ich auch gerne Freundschaftsanfragen an.

image

Advertisements

6 Gedanken zu “Erste Tage

  1. Hai schreibt:

    Es freut mich sehr, dich in behüteter und um dich sorgender Umgebung zu sehen. Die größen Ängste meinerseits sind dadurch auch verflogen.
    Es bleibt mir nur noch mal dir zu wünschen:
    Habe viel Spaß in Russland und sammle einen Schatz an Erfahrungen!

    dein Bruder

  2. Wenn du zurück bist, solltest du Minecraft spielen. Es gibt maximal drei Spiele, mit denen ich mich länger beschäftigt habe und die mich mehr begeistert haben. Minecraft ist der Spielehimmel :)

    Meine Mutter war vor ein paar Jahren in Sibirien und sie war vollkommen begeistert. Von den Menschen, von der Landschaft und von verlassenen Fabriken mitten in der Pampa. Stelle ich mir alles auch unglaublich großartig vor – genieß die Zeit da!

    btw: Ich mag keine Katzen ;)

  3. Charlotte schreibt:

    Hallo Minh! Jeder mag Katzen, ich mag auch deinen Blog! Es macht unheimlich viel Spaß, von deinen Eindrücken zu lesen, mehr davon :)

  4. Hanna schreibt:

    Minh, es ist wahnsinnig aufregend und spannend deine Eindrücke zu lesen! Ich erkenne so einige Parallelen zu meinen ersten Erfahrungen im Ausland, aber es ist sehr interessant sie mal aus einer anderen Perspektive wahrnehmen zu können.
    Es freut mich zu hören, dass du gut angekommen bist und dich gut aufgehoben fühlst. Genieße die Augenblicke und viel Spaß auf deiner Entdeckungstour/dem Abenteuer,
    Hanna

  5. minhhoang0203 schreibt:

    Ich freue mich stets, eure Antworten zu lesen. Vielen Dank!

    Sibirien sah aus dem Flug echt klasse aus. Die Stadt, in dessen Vorort ich lebe, ist wohl vor allem durch den Reichtum der Region an Öl und Gas großgeworden, es ist also alles gar nicht so rural… aber hier und da wirkt es echt alt-industriell, durchaus was für’s Auge. Grünanlagen gibt es aber auch, wie man im Fotoalbum bei facebook vielleicht sieht. Außerdem ist es für mich als Katzenfreund ohnehin das Paradies, da die Tiere hier alle sehr zahm sind.

    Ihr halte euch gern auf dem Laufenden,
    Minh

  6. Robert schreibt:

    Das hört sich toll an! Die Grundbausteine für das beste Jahr deines Lebens sind gelegt.
    Jetzt musst du es nur noch nutzen, und wie ich dich kenne, machst du das auf jeden Fall!
    Ach ja, und dich auszudrücken hast du echt drauf haha.
    Alles gute Minh!

    Robert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s