Glück

Ich kann kaum gedanklich fassen, dass ich bereits einen Monat in Russland lebe. Hiermit darf ich es nun als meine längste Zeit fern von zu Hause verbuchen. Klassenfahrten lehrten mich, ohne Eltern viele Eindrücke zu sammeln. Das Leben in fremder, aber familiärer Umgebung und geordnetem Alltag kenne von meinen Vietnamaufenthalten. Trotzdem ist der Unterschied gewaltig. Hier entsteht gerade ein neues Leben in allen seinen Facetten. Schule kann interessant oder langweilig sein, Freunde nett oder gemein, Familie lieb oder abweisend… aber auch Politik aufregend oder hoffnungslos, Essen lecker oder grauenvoll, Humor intelligent oder platt. Die Aspekte des Alltags sind so allumfassend, jeder muss erstmal für sich entdeckt werden. Jede kleinste Kleinigkeit ließe sich hinsichtlich der Differenzen zur deutschen Welt meiner Erinnerungen untersuchen und könnte mich schließlich „kulturschocken“. Doch ich kann guten Gewissens schreiben, dass ich dies nicht geschehen lassen habe. Der bisher größte Schock für mich bestand in der Erkenntnis, dass mein Gastbruder noch nie eine Apfelschorle in seinem Leben getrunken hat. Nach dem Erwerb von Saft und Mineralwasser war dann wieder alles im Lot.

image
Blaubeeren, die nach dem Foto von mir gegessen wurden. Lecker!

Betonen möchte ich damit, dass ich mir meines Glückes bewusst bin. Mein Alltag verläuft ohne Probleme. Glücklich und guter Laune bin ich nicht zu jeder Zeit. Doch gerade dieses Schwanken der Gefühle zeigt mir, dass ich angekommen bin. Wenn ich etwa nachmittags die Schule verlasse, manchmal begleiten mich Freunde noch ein Stück, und später im Treppenhaus die letzten Stufen bis zur Wohnung im dritten Stockwerk hinauftrabe, dann fühle ich mich spätestens beim
erschöpften Fallenlassen in das Sofa voll und ganz zu Hause. Das Grauen vor dem Wecker am Morgen, Langeweile in der Schule und Ärger über tagelang ungemütliches Wetter. Dies sind so universelle, vielleicht internationale Gefühle, dass es ganz egal ist, in welchem Land man sich befindet.

image
Spaziergang mit Freunden in der Stadt

In ruhigen Stunden (und während langer Autofahrten!) wird mir beim Nachdenken über meine Probleme immer wieder klar, wie nichtig sie sind. Ich nehme sie ernst, doch es lohnt sich nicht, sich in sie zu vertiefen. Im Hinterkopf bleibt schließlich die Stimme: „Noch vier Monate.“

Fast wehmütig,
Minh.

PS: Nach diesem weiterem emotionalen Beitrag werden demnächst auch Texte erscheinen, die die Strukturen hier thematisieren. Kurzum: Ich erzähle auch bald mal, wie alles so ist! Ein paar Aspekte habe ich schon genannt (s.o.), auf Fragen gehe ich aber auch gern ein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s