Ein bisschen Selbstfindung

Stetig und berechenbar verstreicht meine Zeit. Mittlerweile neigt sich der zweite Monat dem Ende. Mein Alltag ist alltaeglich geworden, Rituale und Gewohnheiten schlichen sich ein. Neben Neuem aus meiner russischen Umgebung wie dem Handschlag zur Begruessung oder das mehrmalige Teetrinken am Tag, fallen mir ebenfalls meine ganz persoenlichen Denk- und Verhaltensmuster einschliesslich Laster auf. Nach der Anfangsphase, in der ich jeden Tag neue Menschen kennenlernte, neue Dinge sah und probierte, auf mich also kontinuierlicher Strom neuer Eindruecke niederprasselte, hatte ich in den letzten Wochen die Moegliechkeit, diese in Ruhe zu beobachten, zu vergleichen und gedanklich zu ordnen. Da ich derzeit unsaeglich erkaeltet bin und mir sogar die Schule verwehrt wird,  denke und schreibe ich gegen die Langeweile.

Regionales Derby eines Freundes. Basketball ist hier neben Volleyball sehr populaer.

Neben dem Studieren der Umgebung, den Traditionen und Braeuchen ist und bleibt der Austausch natuerlich eine Sache zwischen Menschen. Und so gebe ich zu, dass ich es auch hier nicht lassen kann, gelegentlich Beziehungen und Gruppendynamiken zu beobachten und mir reichlich Gedanken ueber meine Wirkung auf meine Mitmenschen zu machen, anstatt einfach die Gesellschaft zu geniessen und entspannt daran teilzunehmen. Hinzu kommt der Aspekt der Sprachbarriere, die hier meine Identitaet in sehr ungewohnte Bahnen lenkt. In Deutschland, in der Heimat, kann man vorzueglich trennen. Beispielsweise Familie und Freunde. Mit beiden verbindet man viel, verbringt viel Zeit und beiden oeffnet man sich sehr, jeweils aber auf eine ganz andere Weise. Daraus entstehen Identitaeten, die sich in Sprache und Verhalten unterscheiden und zwischen denen man wechselt, wenn man in eine der Gesellschaften eintritt, sodass man jeweils einen anderen Eindruck auf sie ausuebt. Hier aber sehe mich im passiven Mittelpunkt, umgeben von meinen beobachtenden Mitmenschen. Jene wiederum befinden sich im staendigen Austausch. Meine einstigen unterschiedlichen Identitaeten werden zum Persoenlichkeitsbrei „Austauschschueler“ homogenisiert. Lehrer, Mitschueler, Freunde, Eltern – reden miteinander und ueber mich. Wahrscheinlich bin ich es aufgrund meiner eigenen Familiengeschichte auch einfach nicht gewohnt, dass meine Grossmutter bei einem Spaziergang ploetzlich Maedchen im Park anspricht und versucht, mich zu verkuppeln…

Mittlerweile ist hier der Zustand von deutschem Winter erreicht. Viel Schnee und -15 Grad Celcius

Zurueck zur Sprache. Auf Sachebene kann ich mich verstaendigen. Ich kann Fragen ueber Deutschland beantworten, nach einem Glas Wasser fragen und auch herrlich ueber das Wetter reden (und zum Glueck auch einiges mehr). Doch ich stelle fuer mich fest, dass ohne Sicherheit in der Sprache die Persoenlichkeit nicht zufriedenstellend auszudruecken ist. Ich vermisse die feinen Nuancen in Vokabular und Stil, die meinem Vietnamesisch, meinem Englisch, jedoch vor allem meinem Deutsch Farbe und Fantasie geben. Ueberhaupt entwickelt sich die Faehigkeit, schnell und unerwartet antworten zu koennen, erst langsam. Wie oft fiel mir eine sarkastisch-geniale Reaktion ein, die aber langsam herausgepresst, Wort fuer Wort deklinierend, nicht mehr allzu sarkastisch und genial wirkte. Im besten Fall grueble ich so langsam, dass das Gespraech laengst fortgeschritten und die Chance zum Missverstaendnis verpasst ist.

Ein weiteres Thema ist das Internet. Obwohl ich vor meiner Abreise als schwammiges Ziel defnierte, moeglichst wenig Zeit darin zu verschwenden, so stelle ich mittlerweile fest, dass es (wieder) fester Bestandteil meines Lebens geworden ist. Aber ich bin zufrieden! Es gibt mir die Moeglichkeit, mir wichtige Menschen gedanklich bei mir zu haben und laesst mich auch mal ohne Sprachprobleme reden und schreiben. So stellt es fuer mich einen wichtigen Ausgleich dar, in den ich ohnehin eher Emotion und Gedanken als viel reelle Zeit investiere, denn Aktivitaeten vor Ort gehen fuer mich immer noch vor Internetkonversationen. Meine Freunde muessen sich dann etwa mit „Entschuldigung, aber ich gehe jetzt Tee trinken“ begnuegen, neuerdings mit zunehmer Haeufigkeit. Der Grund dafuer ist meine Grossmutter muetterlicherseits, die seit einiger Zeit bei uns zu Besuch ist. Eine bemerkenswerte Dame. Sie ist immerzu gutmuetig und lebhaft, ueberfuersorglich und trotzdem wuerdevoll. Sie brachte uns von zu Hause Unmengen an frischem Gemuese, Obst und Eier aus eigenem Anbau bzw. eigener Haltung mit, von denen wir nun Ewigkeiten zehren. Einzig ihr ungewoehnlich kompetenter Umgang mit Skype und Mobiltelefon passt nicht ganz in Bild. Ich geniesse ihre Anwesenheit sehr, weil sie mir als aeltere Person, die mir zudem nahe steht, viel vom „authentischen Russland“ vermittelt: Sprichwoerter, Tugenden und vor allem sehr leckeres Essen.

Abschliessend moechte ich folgende Erkenntnis teilen, die ich schon hoerte und jetzt nur bestaetigen kann.

Auf Reisen lernt man vor allem sich selbst kennen.

Informationen ueber das Land lassen sich auch aus Medien beziehen, teilweise sogar objektiver und korrekter. Doch gerade Reden und Lachen mit anderen Menschen, also die Interaktion zwischen mir selbst und der fremden Kultur zeigen, wer ich eigentlich bin, wieviel Deutschland oder Vietnam in mir steckt und wie viel im Gegensatz dazu als Ergebnis meiner individuell denkenden Existenz einfach nur ich selbst bin. Ohne Zwang sich selbst und alle seine Mitmenschen so, und nicht als blosse Repraesentatoren einer Nation zu sehen, das ist Teil der wertvollen Erfahrung, die deshalb nicht als „Bildungsreise“, sondern Austausch bezeichnet wird. Mir gefaellt es jedenfalls.

Mit schniefender Nase,
Minh

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