Konzerte und Aehnliches

In einem grossen Saal. Diffuses Gemurmel, leiser werdend. Ploetzlich: Licht, Musik! Ein Mann im Sakko und eine Frau im Kostuem treten zu einer pompoesen Eingangsmelodie, die viel verspricht,  ins Scheinwerferlicht und Applaus setzt ein. Der allgemeine Laerm weicht einer dezenten Fahrstuhlmusik, waehrend die Eroeffnungsrede beginnt. Nicht immer mit innovativen, aber stets mit sehr herzlichen Worten wird das Publikum begruesst, der Anlass vorgestellt und viel Spass gewuenscht. Und in der Regel geht dieser Wunsch in Erfuellung. So vergeht Auftritt fuer Auftritt , es wird getanzt und gesungen oder auch beides zusammen. Dabei fuehrt die Moderation charmant und froehlich durch das Programm, nicht mit Naehkaestchenplauderei ueber die Vorbereitungen oder Selbstironie, sondern mit kleinen Gedichten und Geschichten. Irgendwann naht dann das Ende der Veranstaltung, ebenfalls daran zu erkennen, dass die Haende vom Applaudieren und zur-Musik-Klatschen schmerzen. Das Publikum stroemt froher Laune hinaus ins Licht und vermischt sich in einem Gewusel aus Umarmungen und Lobesbekundungen mit den zahlreichen Interpreten, die kurz zuvor noch auf der Buehne waren. Denn es sind – keine fremden Kuenstler, sondern die lieben Freunde, Mitschueler und Lehrer, von denen man sich soeben unterhalten liess.

Hier in Russland bin ich wirklich sehr haeufig auf solchen Veranstaltungen. Nicht nur suche ich sie gezielt auf, es gibt einfach bemerkenswert viele. Der Unterschied ist gross zu meiner Schule in Deutschland. Dort stehen hauptsaechlich ein alljaehrliches Weihnachts- und ein Sommerkonzert fest im Programm, auf die entsprechend hart und lange hingearbeitet wird. Als aussergewoehnliche Events fernab des ueblichen Schulalltags sind sie sehr sehens-/hoerenswert, aber dafuer mit viel Stress verbunden. Dem gegenueber steht die Situation hierzulande.  Mittelgroesse Veranstaltungen zu jedem Feiertag und zu anderen scheinbar irrelevanten Anlaessen finden (auf den Durchschnitt heruntergebrochen) beinahe woechentlich in der Schulaula statt. Deren Bedeutung und der Umgang mit ihnen nicht ist nicht grundsaetzlich anders als in Deutschland. Auch hier geht darum, kulturelles Leben als Teil der Gesellschaft ebenso in der Schule unterzubringen. Leidenschaft an Musik und Tanz, die Disziplin beim Vorbereiten und Hinarbeiten auf den Auftritt, das Beisammensein, all dies ist ueberall herrlich.

Eine Konzertverstaltung mit Napoleons Russlandfeldzug 1812 als Thema

Nichtsdestotrotz kann ich sogar meiner kleinen Ortschaft und der Dorfgemeinschaft mit Freude attestieren, dass hier all diesem hier mehr Bedeutung beigemessen zugemessen wird. Dies drueckt sich vor allem in der Quantitaet aus. Sicherlich faellt damit das kuenstlerische Niveau geringer aus und diese Konzerte wuerden keine ueberschwaenglich guten Kritiken im Kulturteil der Sueddeutschen Zeitung erhalten. Aber darum geht es auch nicht. Sondern um Zwischenmenschlichkeit, Geselligkeit, Gemeinschaft und Aesthetik. Und diese Werte werden hier hoeher gehalten. Sogar im Alltag sind Singen und Tanzen viel staerker verbreitet, nicht nur als individuelles Hobby, sondern als gesellschaftlicher Standard, der verbindet. Hier verkrampft und versteckt man sich nicht, wenn ein Lied angestimmt werden soll.

Auf der Suche nach der beruehmten Wehmut und Traurigkeit der „russischen Seele“ sieht fuer mich also eher schlecht aus. Doch das ist ein Misserfolg, den ich gut verkrafte.

Minh

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s