Als Hofstede kam

Ein Monat meiner Zeit in Moskau ist vergangen. Ein fulminanter, beschäftigender, wechselhafter Monat, der viel zu Schreiben gab. „Ja, ich möchte wieder mit dem Bloggen beginnen“, sagte ich mir jeden zweiten Tag. Unter der Woche wurde der große Start auf das Wochenende verschoben, am Wochenende aus Zeitnot dann auf die nächste Woche. Am heutigen Freitagmorgen soll es also losgehen – was ist passiert? Ich sitze im Seminar „Interkulturelle Kommunikation“ und heute ist der Tag, an dem Hofstede kam und einiges ins Rollen brachte. Doch zuerst möchte ich in diesem Eintrag weit, weit ausholen und für alle Interessierten von den wichtigsten Geschehnissen meiner letzten Wochen erzählen.

Am Freitag, den 13. ging es zum ersten Mal in die Universität, um nach vielen nervösen Mails und einem noch nervöseren Skypegespräch endlich meinen Koordinator zu treffen und Organisatorisches zu klären. Mein Koordinator, das ist der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und ein netter Mensch, dem Organisatorisches nicht sehr liegt. So erfuhr ich an diesem Freitag, dass das zur Universität gehörende Studentenwohnheim einer neuen Regelung nach leider keine Ausländer mehr beherbergt. Angesichts der Entfernung zur Universität (es handelt sich um ein Hotel am Stadtrand) und dem, was ich sonst zuvor gehört habe, war mir dies recht. Dazu muss man sagen, dass ich großes Glück habe, dass mein Onkel mit seiner Familie in Moskau wohnt, sodass ich dort anfangs unterkommen konnte. Das war eine sehr schöne Zeit. Der vietnamesische Familienalltag ohne eigene Eltern, Spielen mit meiner kleinen Cousine, eine Menge Gespräche, die sich nicht selten in leidenschaftlichen Diskussionen über Lebensweisen gipfelten und die riesige vietnamesische Community – alles, was ich nicht unbedingt bezüglich meiner Zeit in Moskau erwartet hattet, aber eine angenehme Abwechslung war.

Nichtsdestotrotz begab ich mich auf die Suche und fand ein Hostel, in das ich am 27. Februar (nach 2 Wochen Vietnam, sozusagen) einzog, um mir meinen studentischen Alltag einzurichten. Gemeinschaftsbad, Gemeinschaftsküche, 8-Mann-Zimmer, Fernsehzimmer, Sitzkissen in den Gängen, Steckdosen überall. Mittlerweile ist mein Hab und Gut, das aus dem Inhalt eines Koffers, einer Sporttasche und einer Kiste mit Lebensmitteln besteht, so organisiert, dass alles auf einem Quadratmeter Fläche – oder in 0,4 Kubikmetern, um genau zu sein – verstaut ist. Dabei handelt es sich um eine Hälfte des Platzes unter meinem Bett. Wer mich kennt, weiß, dass ich tatsächlich überdurchschnittlich viel Spaß daran habe, die Effizienz in diesen Dingen auszureizen. Nichtsdestotrotz ist das nur eine Übergangslösung.

Schlafplatz Hostle
Mein Schlafplatz mit zwei Jacken breiter Privatsphäre. Der Koffer fungiert als Schublade mit Kleidung.

Von diesem Ort aus begebe ich mich fünf Mal pro Woche zur Universität. Das heißt, wenn nicht gerade „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ (23.2.) oder „Internationaler Frauentag“ (8.3.) oder ein anderer Feiertag ist! Am Eingang begrüßt mich jeden Morgen ein großes Banner mit „Herzlich Willkommen“ in einigen Sprachen. Mein Stundenplan besteht aus verschiedenen Veranstaltungen, die zu unterschiedlichen Studiengängen gehören. An russischen Universitäten werden die Studenten in Gruppen nach Studiengang und Jahrgang organisiert. Am Anfang jedes Semesters gibt einen allgemeinen Stundenplan für jeden Studiengang wie in der Schule. Es gibt einen Gruppensprecher, der u.a. für ein Verzeichnis ähnlich unserem Klassenbuch zuständig ist. In diesem „Klassenbuch“ werden Anwesenheit und mündliche Beteiligungen, sowie zusätzliche sonstige Leistungen wie Referate und Aufsätze eingetragen. Das ist grundsätzlich eine nette Sache, bloß, dass ich in keiner Liste bin. So bin ich die ersten Wochen umhergewandert und habe mir verschiedenste Veranstaltungen angeschaut, ohne in einer Liste zu sein, was mich, Kommilitonen und Dozenten gleichermaßen verwirrte. Auf Nachfrage wurde ich mein eigener Gruppensprecher und habe nun mein eigenes „Klassenbuch“, das ironischerweise ungefähr zehn Mal so viele Seiten enthält, als das der anderen.

Mittlerweile wache ich morgens auf und bin glücklich. Ich freue mich auf den Tag. Ich freue mich darüber, die Kurse der verschiedenen Fachrichtungen wie Übersetzung/Linguistik, Tourismus und Internationales Management zu besuchen. Ich freue mich darauf, nie zu wissen, wie der Tag verläuft. Am Geburtstag keinen einzigen Glückwunsch zu bekommen oder in einem Kurs zu sitzen, in dem die sprachliche Hürde so groß ist, dass ich unter höchster Konzentration gerade einmal 50 Prozent des Gesprochenen verstehe und an aktive Beteiligung nicht zu denken ist – sowas kann schon unangenehm sein. Demgegenüber stehen aber unverhoffte Aktivitäten, die freundschaftliche Atmosphäre in einer Uni, in der die Bibliothek so groß wie ist wie ein Bayreuther Seminarraum, der Fremdsprachenlehrer, der vor dem ganzen Kurs (Englisch!) plötzlich mit mir einen Schnack in perfektem Deutsch beginnt und viele Situationen mehr. Всё хорошо: Alles ist gut.

Doch nun zurück zu Geert Hofstede, dem in meinem Kopf mehr als umstrittenen „Experten“ für Kulturwissenschaften. Als die Dozentin ihn zitierte und begann, seine Thesen dem Kurs zu diktieren, passierte es: Mich überkam das Gefühl, dass mich meine Zeit hier fachlich weiterbringen wird. Es folgten Diskussionen und eine Menge Eindrücke für mich, wie unterschiedlich man „mein“ Fachgebiet lernen/lehren kann. Doch um das zu verarbeiten, braucht es wohl noch einige weitere Texte in diesem Blog.

Zunächst soll heute als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem Hofstede kam und mir die geistige Aufgewühltheit brachte, um das Schreiben zu beginnen.

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