Sprachlosigkeit

Wenn die Sprache ausbleibt, entsteht ein Vakuum. Es ist keine bloße Lücke, keine Stille, sondern sogar eine sehr dynamische Sache. Es zieht alle Blicke an, die Ohren werden gespitzt – vielleicht kommt ja noch was von ihm. Innen drin bleiben die wirren Gedanken, starke Meinungen, der Wunsch nach Äußerung. Gefangen im Vakuum. Der Sog ist zu kräftig, um gegen ihn die Worte hervorzubringen.

Wieder sitze ich im Fach „Interkulturelle Kommunikation“, es geht um eine weitere Klassifikation von Kulturen (mono-, poly- und reaktive Kulturen nach Lewis), um Ethnozentrismus, Relativismus und Integration, heruntergebrochen auf definitorische Sätze, Stichworte. Es geht für meinen Geschmack zu schnell, die Begriffe müssten eigentlich noch ausgearbeitet werden, denke ich, ein bisschen Zeit und Luft zum Atmen braucht es doch, damit sich die Konzepte in den Köpfen ausbreiten können, um später besprochen zu werden. Meine Kommilitonen schreiben fleißig mit.

Dann geht es weiter mit etwas praktischeren Diskussionen über verschiedene Erziehungstile in verschiedenen Ländern. Ich folge jedem Kommentar, entschlüssle ihn, notiere mir die neu erschlossenen Wörter – und stelle fest, dass es schon mit dem nächsten Beitrag weitergeht. Irgendwann werde ich gefragt und bin dran. Ob ich eigentlich noch etwas hinzufügen möchte. „Also… nein, eigentlich (JA!!) nicht.“ „Na gut, in Ordnung.“ Nein.

Neben solchen Totalausfällen gibt es immer Momente, in denen ich ohne meine Muttersprache gewünschte Nuancen nicht ausdrücken kann. Es macht in einer Diskussion für mich einen bedeutenden Unterschied, ob ich einen Menschen als gebildet bezeichne, als schlau oder intelligent, vielleicht gar intellektuell, aus dem Bildungsbürgertum stammend, oder doch nur als einen Akademiker, der nicht weise ist, aber viel wissend. Finde ich das Argument, das ich da gerade gehört habe und mir nicht gefällt, absurd oder falsch, ist mir der Gedankengang neu oder fremd? Nein, nein, Sie verstehen mich nicht, ich bin nicht komplett dagegen! Ich will nicht widersprechen, nur gern etwas korrigieren, ergänzen, nicht bloß antworten, sondern einen anderen Beitrag liefern

Ich spreche nicht bloß schlecht Russisch. Ich zweifle manchmal an meinem Vokabular, beherrsche nicht alle Konstruktionen, habe Redewendungen und Wortgefüge nicht parat, verhasple mich mit Lauten, stolpere über Deklinationen.

Auch mein neuer Mitbewohner grübelt manchmal über die Grenzen von menschlicher Sprache
Auch mein neuer Mitbewohner grübelt manchmal über die Grenzen von menschlicher Sprache

Natürlich bin ich mir bewusst, dass das alles zum Sprachenlernen dazugehört. Ich spüre es ja auch, wenn mir der passende Ausdruck fehlt und spüre den Fortschritt jeden Tag. Tatsächlich wird es mit zunehmendem Level meiner Meinung nach schwieriger und zäher. Vor zwei Jahren war jedes neue Wort für mich ein Schatz, war es doch Grundvokabular: Herrlich vielseitig einsetzbar und in allen Situationen nützlich, um sich verständlich zu machen.

Ein Beispiel. Was kann man im Deutschen alles „machen“? Probleme, Aufgaben, Schwierigkeiten, Übungen, aber auch einen Papierflieger, einen Test, ein Gedicht… Ein sehr mächtiges Wort also. Tatsächlich können Probleme aber auch hervorgerufen, Aufgaben gelöst werden, Schwierigkeiten treten auf, Übungen werden durchgeführt, Papierflieger gebaut, ein Test wird vielleicht absolviert, und ein Gedicht, das wird geschrieben, geschaffen! Nun ist dieses Niveau eine wunderbare Sache und bietet dem Sprecher Vielfalt und Präzision, nicht zuletzt auch Witz. In einer Fremdsprache ist es leider (wenn auch zurecht) sehr kräfteraubend, sich damit auseinanderzusetzen. Manchmal bin ich dann meiner Kräfte beraubt.

Ich leide gerade nicht daran, keine Sprache zu haben, sondern an einem Gefühl von Sprachlosigkeit.

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Ein Gedanke zu “Sprachlosigkeit

  1. Какой_за_Морган? schreibt:

    Meine Rede, Minh.
    Pein, wenn man gar nicht erst andere Länder bereisen muss, damit man nicht „gebürtig“ verstanden wird.
    Noch schlimmer, wenn man den Glauben verliert, die eigene Fürsorge für Formulierung sei es wert habe einen Sinn.

    Auf jeden Fall ein wichtiger Punkt der menschlichen Interaktion, welcher es, по-моему, immer verdient, in Lebensplanung und Kommunikationsverhalten mit einbezogen zu werden. Und vor allem in das Glück der Konversation, dass man durch obig beschriebener Feinfühligkeit bei der Wortwahl, durch dadurch vermitteltes unterschwelliges Verständnis doch immernoch erheblich mehr ausdrücken kann, als durch die Worte überhaupt.
    Was dem ganzen Sinn sogar wiedergibt. Vom negativen ins Quadrat.

    alles Gute

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