9. Mai

Der 9. Mai – das ist in Russland nicht bloß ein Datum, sondern eine bedeutungsvolle Formel voller historischer Erinnerungskultur und Pathos, die ihren festen Platz im nationalen Selbstverständnis Russlands hat. Der 9. Mai 1945, oder auch auf Russisch „Tag des Sieges“, der das Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“ (nicht zu verwechseln mit dem Zweiten Weltkieg) gegen Nazi-Deutschland markiert, jährte sich vorgestern zum 70. Mal und gab damit der Regierung einen gebührenden Anlass, im Rahmen der Feierlichkeiten in Moskau die größte Militärparade aller Zeiten zu organisieren. Ich war zwar nicht ganz mittendrin, habe aber den Tag auf den Straßen der Hauptstadt verbracht und kann nicht anders, als meine Eindrücke zu teilen. Zahlen, Daten, Fakten und politische Meinungen finden sich dahingegen im Internet, wie z.B. beim HandelsblattDeutschlandfunk, oder bei der Deutschen Welle.

Plakat an einer Bushalte stelle.
Plakat an einer Bushalte stelle.
„Sieg! 70 Jahre“ – „9. Mai“

Es bahnte sich ungefähr zwei Wochen im Voraus unentwegt an. Hier und da vorfreudige Gespräche, Plakate im öffentlichen Raum, Sondersendungen in unserem Universitätsradio mit geschichtlichen Fakten und Volksliedern, die den Krieg und die damit verbundenen Mühen des Landes romantisch besingen. Begleitet wurde diese Zeit durch ein Schwarz-Orange gestreiftes Bändchen, der Verdienstorden des Heiligen Georg. Es wurde nicht viel darüber geredet, aber doch verbreitete es sich auffallend schnell in Form eines Schleifchens Hemdsbrüsten, Sakkorevers‘ und Taschen und verkündete unmissverständlich den Patriotismus und die Solidarität des Trägers mit den gefallenen sovietischen Soldaten. Für mich war das eine gute Entschuldigung dafür, mir diese ideologische Last in Form eines Stofffetzens, das überall von sympathischen jungen Mengen verteilt wurde, nicht umzuhängen. Tatsächlich trug ich es dafür eine ganze Zeit lang in meinem Rucksack herum, als ob ich für alle Fälle vorbereitet sein wollte: „Doch, doch, habe ich… hier ist es ja! Habe es gerade erst bekommen. Ich lege es mir gleich an!“ Natürlich kam es nie zu so einer Situation.

Ich sah in der Atmosphäre voll Vorfreude öffentlichen Symbolen viele Paralellen zu einer Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Einige Kommilitonen merkten an, dass dieser gesetzliche Feiertag für viele nur ein Anlass zum sinnlosen Feiern geworden ist, ohne dass sich die Menschen an den Hintergrund zu erinnern. Doch im Vergleich zur Jugend in Deutschland kann ich guten Gewissens loben, dass die großen und kleinen historischen Details, Namen, Ereignisse und Jahreszahlen, die ich dank meines kompentenzenorientierten Geschichtsunterrichts so gern durcheinanderbekomme, von meinen Freunden hier mit beeindruckender Sicherheit abgerufen werden, wenn es darum geht Argumente zu belegen und Geschichte nachzuerzählen. Doch am 9. Mai ging es ohnehin nicht ums Debattieren.

Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Es ist so sonnig, so warm, als würde der Sommer ausbrechen, das Wetter wie in einem Märchen, wie es nur von gezielt in den Himmel gebrachtem Silberiodid geschrieben werden kann. Der wetterfühlige Moskauer genießt das Wochenende – die Straßen sind voll. Es ist wie eine Rushhour, die den ganzen Tag andauert. Die U-Bahn-Stationen im Zentrum, wo die Hauptfeierlichkeiten stattfinden, müssen aus Sicherheitsgründen komplett geschlossen werden, aber auch die Stationen öffentlicher Parks und beliebter Fußgängerzonen werden nur streng kontrolliert betrieben. Überall befinden sich Barrieren und Polizisten, um die Menschenmengen zu regulieren. Die Menschenmenge ist bunt. Junge Familien, die das verlängerte Wochenende auskosten, Senioren, denen der ganze Trubel erstaunlich wenig ausmacht und Jugendliche, die in Gruppen durch die Stadt flanieren sind im Straßenbild nichts Neues, jedoch begegnete mir immer wieder etwas, das ich Kriegsästhetik nennen möchte. Da es bei diesem Feiertag, wie man es auch drehen und wenden mag, um Krieg geht, genießen es die Menschen, sich ihre mit dekorativen Abzeichen geschmückte Wehrdiensttracht anzuziehen und am Militär orientierte Mode zu tragen oder ihre Kinder in Uniformen zu stecken. Wie kann man das ertragen? Gar nicht. Wovon ich im Vorfeld nicht wusste: Bürger waren aufgerufen, Fotos von ihren im Krieg gefallenen Angehörigen für den Gedenkmarsch mitzubringen. Abertausende Menschen trugen bei sich ein würdevolles Foto ihres Mannes, ihres Vaters, ihres Großvaters, ihres Urgroßvaters an einem Schild und hielten es einen ganzen Tag lang in die Höhe. Die Wirkung war für mich als Außenstehenden schwer zu fassen. Erinnernd, mahnend, stolz.

Euphorischer Marsch, die Leute jubeln und schreien. Ich verrate niemandem, dass ich Deutsch bin.
Euphorischer Marsch, die Leute jubeln und schreien. Ich verrate niemandem, dass ich Deutsch bin.

Die Euphorie beflügelte den ganzen Tag. Vielleicht war es auch das Gute Wetter. Zum Abend hin versammelten sich die Nachtschwärmer an den sogenannten Sperlingsbergen (Воробьёвы горы) um das große Abschlussfeuerwerk anzuschauen, das mit Sicherheit auch einige Rekorde aufstellte. Friedlich geht es zu, Menschen mit Decken und Gitarren tummeln sich am Hang, Inlineskater, Skateboard- und Fahrradfahrer drehen ihre Runden. Drei Minuten zu früh, um 21.57 Uhr überraschten die ersten Lichtbälle die Menge. Zehn Minuten später endete es in einer spektakulären Salve bunter Feuerbälle mit funkelndem Schweif und Moskau machte sich auf den Weg nach Hause.

Ein aufregender Tag geht zu Ende
Ein aufregender Tag geht zu Ende

Auf dem Rückweg traf in der Straßenbahn noch eine Gruppe Menschen, die das wohl berühmteste russische Volkslied Katjuscha sangen. Sie waren die ersten betrunkenen Menschen, die ich an diesem Tag sah. Nein, das war ganz sicher nicht die Fußball-WM in Deutschland.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s