Leben im Weg

Schon vier Monate ist es her, dass es mich aus dem beschaulichen Bayreuth nach Moskau verschlagen hat. Als Austauschstudent verbringe ich natürlich einen großen Teil der Zeit mit meinen – ausschließlich russischen – Kommilitonen in der Universität. Aber das heißt nicht, dass ich mich nur im studentischen Milieu bewege. Nicht, dass es da nicht schon genug für mich zu entdecken gäbe, bekomme ich noch das Eheleben eines jungen Paars, nämlich das meiner Mitbewohner, das rege Treiben der vietnamesischen Diaspora in Moskau, einen russischen Teil der großen AFS[1]-Familie und noch viele andere Teilwelten mit. Und das alles zu einem Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich mir immer noch nicht merken kann, wie man einen Krawattenknoten bindet!

Mit einem Wisch möchte ich an dieser Stelle die bundesweite Debatte über Bildungsungerechtigkeit kurz übergehen und aus meiner eigenen Sicht behaupten: Als Student in Deutschland hat man es erst einmal nicht so schwer im Leben. Seien es betuchte Eltern und/oder Vater Staat mit dem BaföG, vielleicht noch ein Nebenjob – schnell steht das monatliche Einkommen, um sich ein Zimmer in einer netten Stadt zu mieten, die dann mitsamt „geistreich“ verbrachter Freizeit und frei forschendem Geist für ein paar Jahre als Mittelpunkt des herrlichen Studentenlebens dient. Wichtig ist wohl auch anzuerkennen, dass es eine Tendenz meines eher geisteswissenschaftlichen Umfeldes ist, aber meine Freunde in Deutschland und ich teilen den Optimismus, dass wir im Leben noch einiges erreichen werden und dabei vor allem immer dem Glücklichsein hinterherjagen. Ja, diese Jagd ist nicht immer erfolgreich. Wer kennt nicht die große Sinnfragen: Warum das alles? Ist der Studiengang das Richtige ist für mich? Sind Karriere und Familie, Selbsterfüllung und Kontofüllung nun wirklich in (m)einem Leben vereinbar? Und wer diese Gefühle nicht kennt, kennt dafür sicherlich einen Feuilletonartikel oder Songtext, der sie präzise beschreibt und dabei versucht, unsere Generation X/Y/Z/Facebook/Maybe… zu charakterisieren.

Dem gegenüber stehen für mich die Verhältnisse hier vor Ort. Ohne Frage ist die soziale Ungleichheit in solch einer Metropole wie Moskau bedeutend größer. Aber die Gespräche mit meinen Kommilitonen rufen doch immer wieder ähnliche Meinungsverschiedenheiten hervor. Für viele hier ist das gesamte Studium (Übersetzung Englisch + Spanisch/Deutsch) eine sehr trockene Pflichtangelegenheit und mir fiel es anfangs schwer, das nachzuvollziehen. Manche haben schon große Schwierigkeiten mit Englisch (wovon ich und meine Russischkenntnisse derzeit profitieren), von der zweiten Fremdsprache schon ganz zu schweigen. Aber auch Veranstaltungen wie Geschichte, Politik und Literatur der jeweiligen Länder, allgemeine Einführung in Kulturwissenschaften, Philosophie, Grundlagen interkultureller Kommunikation etc. werden fast ausnahmslos nur für den Schein besucht. In der Klausurenphase ist „Bulimielernen“ die Regel, im Memorieren von Daten und Vokabeln bin ich daher sichtlich unterlegen, was ich schon längst akzeptiert habe. Trotzdem protestiert der Deutsche in mir: „Warum studiert ihr überhaupt etwas, das euch nicht interessiert auf eine Weise, die euch nicht weiterbringt?“

Herrlich, dass es sie gibt. Aber wer weiß schon, wie gut Straßenmusiker von ihren Einnahmen leben?
Herrlich, dass es sie gibt. Aber wer weiß schon, wie gut Straßenmusiker von ihren Einnahmen leben?

Die Erklärung ist ernüchternd. Was sollte man sonst tun? Ein Hochschulabschluss ist hier das absolute Minimum, um später ein ehrbares Leben zu führen. Selbstverständlich gibt es hier auch gute Menschen, die nie in der Universität saßen, aber im Gegensatz zur Situation in Deutschland ist dies kein Zustand, den man gelassen hinnimmt oder gar anstrebt. Die Universität kostet eine Menge Geld, was zu einer Sichtweise auf das Leben führt, die ich hier in diesem Maße zum ersten Mal treffe: Determiniertheit. Dabei entscheiden nicht selten auch die eigenen Eltern, in deren Stadtrandwohnungen viele Studenten wohnen und damit Pendelzeiten von zwei bis drei Stunden pro Tag auf sich nehmen, wohin es geht. Der Arbeitsmarkt ist frustrierend chancenlos und junge Menschen strömen daher in die Universitäten. Dieser Logik zufolge spaltet sich dann (meiner Erfahrung nach) die Menge in mehrere Reaktionsweisen.

Da ist Maria A., die eigentlich nie wirklich Lust aufs Lernen hatte und sich mit viel Mühe und finanziellen Mitteln der Eltern durchs System schleppen lässt, ohne eigene Motivation. Und so findet sie sich plötzlich auch in der Uni wieder, die sie schon “irgendwie” durchstehen wird, wohin das auch immer führen wird. Ziele und Träume? Sommerurlaub.

Dann ist da Maria B., die immer fleißig war und sich auch hohen Erwartungen seitens ihrere Eltern gegenübergestellt sieht. Sie kann sich ebenso noch nicht wirklich vorstellen, wie und was sie später macht, aber sie kommt mit dem Bildungsystem gut zurecht und gibt viel Zeit und geistige Freiheit auf, um das heiß begehrte rote Diplom (Abschluss mit Bestnoten) zu erreichen. Auf meine Frage, ob es später denn bei der Jobsuche hilft: „Nein, nicht wirklich. Aber es geht um Prestige, darauf schauen dann alle.“

Maria C. ist da anders. Wie ein Großteil der Studenten ist auch sie finanziell von ihren Eltern abhängig, ideologisch aber schon längst abgekapselt. Sie brilliert in den Fächern, die für ihren klar gesteckten Zielberuf relevant sind, engagiert und bildet sich nebenbei in diesem Bereich und schwänzt dafür auch mal Veranstaltungen mit ihrer Meinung nach schlechten Dozenten bzw. unnützen Themen. Außerdem arbeitet sie jede freie Minute, um sich die Unabhängigkeit von ihren Eltern zu verdienen.[2]

Häufig beobachte ich diese Charaktere nur, von Zeit zu Zeit verstricke ich mich auch in Diskussionen. Vor den Personen habe ich natürlich meine Sicht der Dinge vorgestellt und verteidigt, Selbstständigkeit im Leben und den Spaß am kritischen Denken beworben. Die Reaktionen reichen von schwärmerischem Neid bis hin zu „Das ist aber schon etwas naiv.“ Denn nicht von der Hand zu weisen sind die unterschiedlichen Welten, in denen wir uns bewegen und unterschiedliche Chancen, die wir haben. Was habe ich daraus für mich persönlich gelernt?

  • Existenzielle Sicherheit ist mein Luxus.
  • Eine rauere Welt fördert (erfordert?) mehr Standfestigkeit in der Position. Wer sich einen Weg einschlägt, geht ihn auch zu Ende. Irgendwie.
  • Es gibt viele Weisen, reif zu sein.
  • Und wie immer: Ich liebe meine Zeit hier und bin dankbar, diesen Austausch erleben zu können.

Und noch eine nicht ganz so abstrakte Neuigkeit aus meinem Leben (die dafür umso mehr sich zermürbende Gedanken hervorruft): Mit einem Jungunternehmer bin ich dabei, einen Englisch-Club aufzubauen. Einmal die Woche gebe ich Vorträge über interkulturelle Themen und leite Diskussionen und Spiele. Dabei bin ich unfreiwillig in die Welt von Business-Prinzipien, Erfolgsdenken und Selbstoptimierung geraten. Darüber werde ich mich im nächsten Eintrag auslassen. Versprochen!

[1] Für meine Austauschorganisation AFS Interkulturelle Begegnungen e.V ist das familiäre Netzwerk sehr charakteristisch und so wurde ich auch in der russischen Partnerorganisation herzlich empfangen und aufgenommen.

[2] Diese Typologie des russischen Studenten ist eine Karikatur. Ich fasse darin wesentliche Züge in Hinblick auf die Stellung von Bildung in den von mir erfahrenen Biographien zusammen. Dementsprechend erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Repräsentativität. Die Figuren heißen alle Maria, weil es an meiner Universität mehr weibliche als männliche Studenten gibt und weil dieser Name verdammt häufig verkommt.

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