Gedanken zur öffentlichen Sicherheit in Moskau

Lange habe ich auf diesen Tag gewartet. Es ist wieder ein sonniger Sonntagmorgen, als ich mich wie jedes Wochenende nach einem familiären Abendessen bei meinem Onkel auf den Weg nach Hause mache. Zu dieser Zeit befinde ich mich meistens auf dem Gipfel der Entspannung. Der wochentägliche Stress ist ein bisschen in die Ferne gerückt und bis zum Unialltag bleibt noch ein ganzer Tag (und eine Nacht).

Ich flaniere gut gelaunt durch den zentral gelegenen Stadtteil und erreiche in zehn Minuten die U-Bahn-Station, die im Vergleich zum vorherigen Wochenendnachmittag gerade zu leergefegt wirkt. Die Reihe an Durchlassschranken, an der die NFC-Fahrkarten kontrolliert werden, wirkt unter diesen Umständen gerade zu absurd: Man hat die Wahl zwischen einem Dutzend identisch aussehender Schranken und außerdem noch dem Häuschen des U-Bahn-Mitarbeiters, der zum Beispiel Kinder unter acht Jahren kostenfrei durchwinkt.

Wenn es in der Halle so leer ist, nimmt man die anwesenden Personen besonders achtsam wahr. Eine Reinigungskraft fegt den Boden und ein Polizist flaniert ähnlich gelassen wie ich durch den Saal. Dann aber, kurz vor der von mir auserlesenen Schranke, stellt er sich mir in den Weg, hebt in einer theatralischen Geste seine Mütze zur Begrüßung kurz an und stellt sich als eben solchen Polizisten vor. Es folgt etwas Gerauntes, das ich nicht ganz verstehe. Vom Offensichtlichen ausgehend, vergewissere ich mich fragend, ob er meine Dokumente sehen möchte, was er mir mit einem überdeutlichem „Paaaassport“ und einem in die Luft gemalten Rechteck bestätigt. Nach Sekunden ungewissen Kramens in meiner Jackentasche zeige ich ihm meinen Pass und da mein Studentenausweis mir gleich mit aus der Tasche rutscht, stelle ich die Verbindung her und erkläre, dass ich ein Student aus Deutschland bin. Seine Miene erhellt sich, seine Kontrolle endet mit der ersten Seite. Er winkt sogar ab, als ich ihm anbiete, das Visum aufzuschlagen. Dann verliert er noch ein paar lobende Worte über Deutschland, verabschiedet sich überschwänglich und ist offenbar genauso fröhlich wie ich über diese unerwartete Begegnung.

Dazu muss man wissen, dass ich es mir seit meiner Ankunft vor immerhin zweieinhalb Monaten zu meinem kleinen Spiel gemacht haben, eine Ausweiskontrolle zu „provozieren“. Ob tiefer Blick in die Augen, kurzer verstohlener Blick, selbstbewusstes Zulaufen, Ausweichen, beschleunigter Schritt oder stehen bleiben und beschäftigt aufs Handy schauen. Alles, was mir einfiel, wurde erfolglos ausprobiert und dann, traf es mich – natürlich – in dem Moment, in dem ich überhaupt nicht damit rechnete. So gesehen habe ich mein Spiel also verloren. Dafür ist Moskau wieder ein Stück sicherer geworden, ha!

U-Bahn-Station Majakowskaja bei Nacht.
U-Bahn-Station Majakowskaja bei Nacht. Keine Menschen = keine Gefahren

Viele Monate später. Die Beobachtungen vermehren sich, der gute Wille will nicht mehr.

Schon recht früh gab mir mein Onkel zu verstehen, wie unerlässlich es sei, seine Dokumente mit sich zu führen, da wir als Vietnamesen hier auf den Straßen wie auch andere Migrantengruppen besondere Aufmerksamkeit der Polizei genießen. Auch wenn ich mich selbst als deutschen Studenten sehe und mit Visum und ordentlicher Meldebescheinigung ausgestattet bin, steht es mir schließlich nicht auf der Stirn geschrieben. Offenbar steht aber vielen nicht russisch aussehenden jungen Männern etwas auf der Stirn geschrieben, das konstant danach ruft, unsere Pässe zu kontrollieren, unsere Rucksäcke zu röntgen und uns in engen Supermärkten durch die Gänge zu folgen.

Eine zentrale Rolle in diesem Spiel spielt die Охрана (A-chra-na), zu Deutsch „Schutz“, also der Sicherheitsdienst. Der Wächter des Guten, der Freund in der Not, der Ritter der Gerechtigkeit. Im Vergleich zu Deutschland sind Wachmänner hier omnipräsent. Sei es in Geschäften, in Museen, in Ämtern, aber auch in Schwimmbädern und Schulen, überall wartet am Eingang ein schwarz gekleideter Mann, der für Recht und Ordnung in der entsprechenden Einrichtung sorgt. Dass es nur um einen psychologischen Trick handelt, der Menschen das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle vermittelt, lasse ich an dieser Stelle erst einmal als meine These stehen.

Häufig sind diese Wachmänner auch dafür zuständig, nur befugte Personen zuzulassen. In meiner Universität zum Beispiel gibt es Drehkreuze, die entweder bei Studenten durch ihre Chipkarten entsperrt, oder bei Fremden durch einen prüfenden Blick (und vielleicht einem kurzen Wortwechsel, bei dem man sich und sein Anliegen vorstellt) durch den allmächtigen Sicherheitsmann per Knopfdruck geöffnet werden. Viele große Wohnhäuser mit Hunderten Einwohnern, wie auch das, in dem mein Onkel lebt, sind einschließlich ihrer Parkplätze umzäunt und mit einer Schranke versehen. Nachdem ich dem dortigen Sicherheitsdienst buchstäblich meine Familiengeschichte erklärt habe, erinnert man sich nun an mich und öffnet mir, sodass ich niemandem mehr meinen Reisepass zeigen muss, wenn ich nach Hause zum Abendessen komme. Auf die Frage hin, wie Autos gehandhabt werden, da man ja den Fahrer und vor allem seine Mitfahrer ja nicht so genau erkennt, antwortete man mir: „Ich kann ja nicht jedes Auto anhalten und durchs Fenster schauen, wer da sitzt.“

Zur Verteidigung dieses Berufsstandes bleibt zu erwähnen, dass das Personal in kleineren Einrichtungen in der Regel hilfsbereit ist, und auch immer für ein interessantes Gespräch zu haben ist, wenn man höflich bleibt und keine Bombe im Rucksack trägt.

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