Vietnamesische Diaspora

Für alle, die sich schon immer gewundert haben, was der Name meines Blogs bedeutet: Das „vi“ steht für Vietnam. Den Rest müsst ihr nun selbst entschlüsseln.

Ob ich nun in Deutschland aufgewachsen bin oder meinen 15. Monat in Russland verbringe, ich bin immer auch Vietnamese. Dabei konnte ich Zeit meines Lebens ein beträchtliches Wissen über Vietnamesen, insbesondere die im Ausland, ansammeln. Es herrscht in Moskau das Klischee, dass ein Großteil der Vietnamesen auf Märkten mit Textilwaren handeln. Doch es gibt deutlich mehr über sie zu erzählen. Folgende Einblicke sind meiner Meinung nach grundsätzlich wissenswert (Soziologen stimmen mir hoffentlich zu!) und regen gleichzeitig dazu an, sich über globale Zusammenhänge Gedanken zu machen.

Vietnamesisches Essen über alles!
Vietnamesisches Essen über alles!

Vorgeschichte
Bereits Revolutionär und Nationalheld Ho Chi Minh studierte mit anderen Funktionären der Kommunistischen Partei Vietnams in den 1920er Jahren in Moskau. Von einer relevanten Migrationsgeschichte in der UDSSR kann man aber, ähnlich wie in Deutschland, erst ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sprechen. Mit der Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens zwischen der Sowjetunion und der sozialistischen Republik Vietnams im Jahre 1981 ist der Weg für den Transfer von Gastarbeitern und Studenten geebnet. Auf diesem Wege erreichten Zigtausende Vietnamesen den großen sozialistischen Bruder: Entweder um den Kombinaten ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen (bis zu 100 Tausend Gastarbeiter pro Jahr), oder an sowjetischen Universitäten zu studieren (insgesamt etwa 50 Tausend Studenten in der Zeit des Kalten Krieges), um mit dem Wissen später zur Entwicklung der Heimat beizutragen.

Der Aufenthalt war stets begrenzt und die Rückreise nach Ende der Ausbildung oder Arbeitstätigkeit (in der Regel zwischen vier und sechs Jahren) vertraglich festgeschrieben. Wie auch in der DDR herrschte für die Arbeitskräfte eine „Gastarbeiterpolitik“, die keine soziale Integration vorsah, um die spätere Rückführung der Menschen einfacher zu gestalten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion in 1991 waren viele plötzlich auf sich allein gestellt. Nun befanden sich unzählige ehemalige Fabrikarbeiter mit unklarem rechtlichen Status und Akademiker mit in einer Marktwirtschaft wertlosen Diplomen in einem Land im Umbruch.

Sich selbst überlassen gingen viele zurück, manchen gelang es nicht, andere hatten sich schon an das Leben dort gewöhnt. Schließlich lässt sich in Russland deutlich mehr Geld verdienen als in Vietnam und so bildete sich in den vergangenen Jahrzehnten eine dynamische Gemeinschaft, die aus ehemaligen Vertragsarbeitern, Akademikern und dem Nachzug von Verwandten und Bekannten besteht. Allen gemein ist die Hoffnung auf ein besseres Leben für sich und ihre Liebsten. Das Leben dieser vietnamesischen Diaspora möchte ich anhand von drei Aspekten charakterisieren, die mir aus meiner deutschen Perspektive auffallen und bemerkenswert erscheinen.

Informelles Wissen
Kenntnisse, die das alltägliche Leben und Wirtschaften angehen, sind höchst ungleich verteilt. Der Hauptgrund ist sicherlich die Sprachbarriere. Russisch ist eine nicht einfach zu erlernende Sprache mit komplexer Grammatik. Flexionsendungen, die den Klang eines ganzen Worts stark verfremden und die kyrillische Schrift stellen hohe Einstiegshürden dar. In der Community, die gern unter sich bleibt, haben außer Studenten und hier aufgewachsenen Kindern viele Vietnamesen keine Gelegenheit, sich die Sprache anzueignen. (Demgegenüber steht die eher nationalistische Politik Russlands, die außerhalb einiger Republiken von einer einsprachigen Gesellschaft träumt, sich aber nicht bemüht, Nichtmuttersprachler zu integrieren.)

Dies führt dazu, dass ganz „normale“ Angelegenheiten wie das Überweisen von Geld, Melden beim Einwohner-/Migrationsamt, Beantragung von Sozialleistungen und Versicherungen zu großen Hürden werden. Hier kommt das informelle Wissen zum Einsatz. Man beschäftigt sich nicht damit, wie ein Vorgang funktioniert, sondern wer ihn am besten erledigen kann. Plakativ ausgedrückt: In kaum einer Wohnung findet sich ein organisierter Bürobereich, aber dafür immer eine gut sortierte Spirituosensammlung. Man isst zusammen, befreundet sich und tauscht sich dabei aus. Gern werden Verwandte, Freunde, Nachbarn eingeladen. Während des Kennenlernens wird schnell klar, wer welche Positionen innehat, über welche Kontakte verfügt und sich mit welchen Dingen auskennt.
– „Visum für Besuch aus Vietnam? Da ruf doch mal den Khanh an, der kennt einen von der Botschaft und erledigt es für dich richtig günstig!“
– „Du willst Geld nach Vietnam schicken? Ne, Minh kannst du vergessen, der ist so unorganisiert.“
– „Wenn du was vom Markt brauchst, bin ich immer für dich da.“

Leben in einer Metropole ist komplex und erfordert viel Organisationsaufwand. Ein Groß der anfallenden Bürokratie ist fremd für jemanden, der in einer vietnamesischen Kleinstadt aufgewachsen ist. Solch eine Person reagiert so, wie sie es auch in ihrer Heimat tut: Sie befragt ihre Peer Group. Das Netzwerk mag nicht immer die zuverlässigsten, neutralsten Informationen liefern, aber vermittelt extrem effektiv und schnell, was nötig ist. Tatsächlich hängen daran ganze Existenzen, sogar im doppelten Sinne: Neuankömmlinge sind vollkommen abhängig von Landsleuten, die sie unterstützen. Und andererseits erfolgt diese Unterstützung selbst unter Verwandten, selten kostenlos.

Eine unendliche Wertschöpfungskette
Wie oben erwähnt fallen unterschiedlichste Aufgaben an, wenn sich ein Mensch von einem Land in ein anderes begibt. Er landet in einem Moskauer Flughafen, braucht eine Bleibe, muss anfänglich verpflegt werden. Er muss gemeldet werden, wird studieren oder arbeiten und sich dann im Alltag durch die Stadt bewegen. Er kauft ein, geht aus, bezahlt Rechnungen. Vielleicht wird er mal krank und muss zum Arzt. Irgendwann möchte er vielleicht wieder nach Vietnam und braucht dafür Flugtickets. Mitbringsel wie Medikamente und Gerätschaften, die das Leben daheim verbessern sollen, passen leider nicht ins Gepäck und werden als Postsendung aufgegeben.

Das Besondere ist, dass ausnahmslos jeder dieser Vorgänge einen anderen Vietnamesen ernährt. An jedem Punkt klinkt sich ein „Dienstleister“ (Dịch vụ) ein, der davon lebt, dass sein Kunde etwas braucht. Grundsätzlich ist dies gemäß den Gesetzen der Marktwirtschaft natürlich etwas sehr Natürliches. Viele Geschäftsideen finde ich auch kreativ und pfiffig, da sie Menschen wirklich helfen. Hoch im Kurs sind immer Übersetzer und Visumsservices. Absurd wird es jedoch dann, wenn fundamentale Tätigkeiten dadurch privatisiert werden.

Wer das Geld hat, hat die Wahl. Aber es kursieren leider zu viele Geschichte von in die Illegalität getriebenen Vietnamesen, die unter dem Existenzminimum leben (s.u. Quelle 4). Ohne Rechtssicherheit wenden sie sich an Arbeitsvermittler und enden ohne offizielle Papiere in ominösen Fabriken oder auf Märkten und leben in Angst vor der nächsten Razzia bzw. Straßenkontrolle. Die offiziellen Wege zum Beantragen von Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis sind langwierig. Dafür ist mit den richtigen Kontakten und Beträgen von Hunderten bis Tausenden Dollar nichts ein Hindernis: Sei es das Visum, der Führerschein oder die begehrte Immatrikulation an einer Hochschule. Möglich machen es mafiöse Netzwerke und geschmierte Beamten.

Von den wirklich „dunklen“ Seiten erfuhr ich zum Glück nur durch Erzählungen und meinen Recherchen für diesen Artikel. Trotzdem beobachte ich bei den legalen Erwerbstätigkeiten meiner Verwandten viel Kurioses.

Improvisationstalent und Antrieb
Selbst als Migrant hier lebend, wurde ich von diesem Land schon einige Male an den Rande der Verzweiflung getrieben. Was ich bei der vietnamesischen Community beobachte, ist eine schwer zu beschreibende Mischung aus Fatalismus über die Umstände und Zuversicht, dass man eben das Beste draus machen kann. Als ich manchmal wegen meinen Russischkenntnissen um Hilfe gebeten wurde, hat mich die Komplexität einiger Probleme schier überwältigt und ich gebe zu, dass es mir schwerfällt, mich in die Situation eines mittellosen Neuankömmlings hineinzuversetzen. Aber diese Menschen fragen sich durch, arbeiten hart und schon nach einiger Zeit stelle ich zu meinem Erstaunen fest, wie täglich trotz Russisch Unmengen von Geld durch ihre Hände gehen. Dazu gehört dann auch, seinen Mittagsschlaf (nach Arbeitsbeginn um 5 Uhr morgens) auf einem Regal im Lager abzuhalten, spontan einen Friseursalon bei sich zu Hause zu eröffnen, oder, wenn es eben nötig ist, ein Taxiunternehmen zu gründen.

Ein typischer Markt, auf dem nicht nur Vietnamesen ihre Stände betreiben.
Ein typischer Markt, auf dem nicht nur Vietnamesen ihre Stände betreiben.

Ein Studium gilt immer noch als das Mindestmaß an Bildung. Aber ich kenne hier niemanden, der mit seinem Abschluss Geld verdient. Im Gegenteil sind es gerade das Netzwerken und die alltägliche gegenseitige Unterstützung in der Community, die alles am Leben erhalten. Ein Abschluss in BWL ist ein Weg. Während einer russischen Wirtschaftskrise ein Kleidergeschäft auf dem Markt zu führen, um seine Familie zu ernähren, ist der vietnamesische Weg. Erwerbstätigkeiten wechseln schnell und die Zukunft ist häufig ungewiss. Was diese Menschen antreibt ist der unerschütterliche Glaube an ihre Familienwerte. Denn wie schwierig es auch gerade im Ausland ist, jeder unterstützt seine Familie daheim und jeder Arbeitstag dient dazu, seine Kinder zu ernähren und ihnen das Beste zu ermöglichen.

Hinweis: Ich bin dagegen, Armut und strukturelle Ungerechtigkeiten zu romantisieren. Tatsächlich sehe ich für viele dieser Probleme die Politik in der Verantwortung. Aber gerade in diesem dynamischen Umfeld habe ich gelernt, dass Unterstützung auf vielen Wegen möglich ist. Meine Wunschvorstellungen eines sozialdemokratischen Rechtsstaates nützen hier weniger als unmittelbare Hilfe, die ich meinen Verwandten leiste. Das war für mich als „deutschen Meckerer“ eine wertvolle Lektion.

Quellen (russisch):

  1. http://vietkieu.ru/
  2. https://ru.wikipedia.org/wiki/Вьетнамцы_в_России
  3. http://quehuong.narod.ru/diaspor.htm (Erste und m.E. einzige wissenschaftliche Arbeit über die vietnamesische Diaspora in Russland)
  4. http://www.bbc.com/russian/russia/2010/04/100404_vietnam_russia_migrants.shtml (Tragische Migrationsbiographien)
  5. http://sobesednik.ru/incident/20120519-vetnam-iz-moskvy-ili-chto-derzhit-vetnamtsev-v-rossii (Beschreibung von für Vietnamesischen typischen Beschäftigungen)
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